Die Laudatio
von Marica
Bodrozic
Das innere Augenalphabet
Wahrnehmung ist eine Qualität der Imagination,
ein Signum der Einbildungskraft. Manchmal verhilft
sie uns zu einem besseren Leben, manchmal macht sie
es nur erträglicher und ein anderes Mal wird sie
uns hinderlich, wirft Verdichtungen und Schallräume
in unsere Welt, von denen wir im Rückblick nur
sagen können, sie uns selbst ausgedacht zu haben,
nur aus uns heraus, sie mit niemand anderem teilend.
Das wirft nicht nur die Frage auf, ob wir uns im Wesentlichen
ohnehin alles ausdenken; der Gemeinplatz, alles Leben
sei ein Spiel, scheint vor diesem Hintergrund ernsthaft
das so scheinbar Banale als Welt etablieren zu wollen.
Wann aber sind wir in unserem Uns-Ausdenken unbedürftig,
wann auf fremde Augen angewiesen, auf den Blick eines
Anderen, der uns beisteht und für uns die Wirklichkeit
sortiert, die unser Leben bestimmt? Und wann gehorchen
wir diesem fremden Blick, ohne es selbst je bemerkt
zu haben, dass wir seine Ausführende sind, Handlanger
eines anderen Willens?
Zur Wahrheit wird alles, wenn es nur oft genug gesagt
ist, und vielleicht ist auch das Innere des Auges einem
ganz eigenen Alphabet, einer gesteuerten Perspektive
ausgesetzt, wiederholt sich, bis es greifbar erscheint,
real, wie das erdachte Licht in der Wohnung, von der
uns Silke Andrea Schuemmer in ihrer Geschichte "Frau
Forst kümmert sich" erzählt. Schuemmers
Protagonistin hat sich in ihren eigenen, sich selbst
erdenkenden Bildern verirrt.
Können Bilder denken, werden Sie sich fragen,
und auch ich habe mich das angesichts eines in dieser
Erzählung lädiert wirkenden Ichs gefragt,
in dem die alltägliche Geputztheit und die verordnete
Sauberkeit der Wahrnehmung nicht mehr funktionieren.
Etwas ist zwischen dem Ich und dem Übersprung
der Bilder geschehen, dass dieses Ich aus seiner gefügigen
Installation gelockert hat. Aber was geschieht mit
diesem Ich, das einem alten Menschen gehört und
das zu seiner inneren Sprache findet, verbraucht von
den Jahren, ummauert von den Gewohnheiten, ummauert
offenbar auch vom Ausbleiben aller Art von Verwandten?
Um das Alleinsein geht es, um das Alleinsein und die
Wirkkraft der Gedanken, der Wörter, der Formen
und der Blicke. Auch um das Leben in einer Stadt, wie
wir es oft genug von älteren Menschen kennen,
spätestens seit jenem heißen Jahrhundertsommer,
in dem das anonyme Sterben in einer Weltstadt wie Paris überhand
nehmen konnte und die Leute einfach tot in ihren Wohnungen
wochenlang lagen, auf niemanden mehr warteten und von
niemanden mehr erwartet wurden.
Von einem Einkauf am Abend zurückkehrend, ist
Schuemmers Protagonistin
überzeugt davon, jemand habe Licht in ihrer Wohnung
gemacht und warte nun dort auf sie, esse von ihrem
Teller, werde sie mit zwei großen Händen
zusammendrücken - bis die "Knochen knacken".
Im Hausflur trifft sie gleich auf Frau Forst, eine
Art Wächterin der Bilder, die sie sogleich beruhigt.
Das Licht habe sicher sie allein angemacht und niemand
befinde sich in ihrer Wohnung. An ihr komme ohnehin
niemand vorbei, beruhigt sie die Heimkehrende, sie
sei hier der
"Wachhund". Später folgt der Schlaf,
so heißt es in der Erzählung,
"wie ein Bolzenschuss". Die Unheimlichkeit,
die Verdichtung der sich immer mehr verschiebenden
Realität, lässt auf einen doppelten Boden
in der Sprache von Silke Andrea Schuemmer schließen,
auf eine immer größer werdende Unebenheit
in der Wirklichkeit ihrer Hauptfigur, was mich auch
an Walter Serner, den Namenspatron des heute zu verleihenden
Preises denken lässt, der eigentlich ursprünglich
den Namen Seligmann trug. Dieser Name verschwand aus
seiner Biographie genauso wie ein Mensch, den es nie
gegeben hat; so fremd klingt heute das Wort Seligmann
mit einem Mal und der Vorname Walter will gar nicht
zu ihm passen.
Die Angst arbeitet in Schuemmers Erzählung "Frau
Forst kümmert sich" der Unheimlichkeit zu,
sie lässt die Stimme zu einem Räuspern verkommen.
Die Wörter werden fast von ihr zerkratzt, müssen
sogar
"über eine Gemüsereibe" gehen,
um gesagt zu sein, um in der Luft etwas zu hinterlassen,
was mit dem Alleinsein zu tun hat. Mit einer Gegenwart,
die nicht aus dem Hier und Jetzt beatmet wird. Die
Vergangenheit kommt in sie hinein, natürlich künden
die Bilder von ihr, von dem, was einst gewesen ist,
als die nun alte Frau eine Zwölfjährige war.
Der Tod, oder genauer: der Mord an einer Sau taucht
da aus dem Nichts auf, aus dieser zeitlosen Zeit, die
sich das Recht auf ihr eigenes Inneres nimmt.
"Der Knecht hackte und hackte", heißt
es an einer Stelle, "und irgendwann griff ich
einfach in die klebrige Masse und holte mir etwas heraus,
ein Stück vom Herz und ein Stück Schwarte,
aber das war egal, Hauptsache Fleisch, und ich schleppte
es durch den Wald nach Hause, und als ich ankam, war
es gefroren, und wie es geschmeckt hat, weiß ich
nicht mehr..." Überlebt habe man das Ereignis,
berichtet uns die Erzählerin, und man wird das
Gefühl nicht los, das sei genau die Strafe. Beunruhigend
ist für mich der hier erwähnte "Wald" und
das Wort "gefroren" weisen schon auf die
jetzige Gegenwart hin, die einst durch die Luft in
den Tierleib schießenden Messer werden durch
die beschriebene Bildkraft wirklichkeitstauglich. Die
Ebenen der Zeit fließen ineinander und das schimmernde
Blut aus dem einstigen Wald ist plötzlich ein
blankes Hier geworden. Die Brille, die es gar nicht
gibt, ist beschlagen. Die Autorin lässt uns hier
an etwas scheinbar Absurden teilnehmen, an einer Orgie
der verketteten Bilder. Nur noch die Dinge können
eine Orientierung verschaffen, Dinge, denen wir so
viel Vertrauen schenken, mit deren Hilfe wir unsere
Welt gliedern, ordnen und bebildern. Und die doch ein
Eigenleben führen, sich eigene Ränder, Länder
und Grenzen ausdenken, ganz ähnlich wie in Schuemmers
Roman "Remas Haus", der den Leser in eine
innere Bildwelt einschleust wie in einen Geburtskanal.
Und ihn dann dort lässt, fest mit der Sprache
vernagelt, ihn stellenweise ohne eigenen Atem zurücklässt,
als würde er gar nicht mehr mit sich selbst, mit
den eigenen Lungen atmen, sondern mit der erzählten
Welt - und was könnte anderes besser und dringender
dazu einladen, dieses Buch als Leser und als Mensch
mit einem bereiten Atem zu betreten?
Bilder sind ungerichtet. Bilder können nicht
töten. Sie können kanalisiert werden - aber
von wem? Durch was? Die Empfindung macht sie erst zu
dem, was sie sind. In Schuemmers Liebesgedichten beispielsweise
wird nicht getötet, aber der "Schlaf" kommt "als
großes Feuer", ist ein Bote der erotischen
Zärtlichkeit: "... wenn der Schlaf als großes
Feuer kommt/ wenn die Augenbraue nur vom Auge träumt/
und der Fuß von der Ferse/ wecken mich die Schneckenfinger
deiner Hand/ und ziehn mich hinauf ins Geäst",
heißt es beispielsweise einmal. Die weißen
Rücken der Liebenden leuchten hier durch die Zweige,
wenn sie beunruhigend "kopfunter von den Bäumen
hängen". Auch hier schreibt sich ein Unterpfand,
getragen von einem lyrischen Grund, in die Wörter
ein. Etwas hat als Etwas von sich Wissen, wartet die
Zeit ab, um sich auszutauschen. Da heißt es: "Für
den Winter muss man sich was Neues suchen, sagst du/
und ich denk, im Schnee wird man uns wenigstens nicht
sehn."
Ein Zyklus von Liebesgedichten mit dem Titel "Amourellen" ist
in Silke Andrea Schuemmers Schreibwerkstatt am Entstehen.
Als die Jury sich für die Auszeichnung ihrer Erzählung
entschied, wussten wir nichts von ihrer bisherigen
Arbeit oder Biographie. Promoviert hat sie über
die österreichische Malerin Maria Lassnig. Veröffentlicht
hat die Kunsthistorikerin und Journalistin bereits
zwei bibliophile Kunstbücher sowie den erwähnten
Roman "Remas Haus".
Die Wirklichkeitsvermeidung, ihre gleichzeitige Entmörtelung
und die Suche nach ihr spielen auch in diesem Text
eine alles entscheidende Rolle, ja sie wächst
mit dem Abgesperrtsein von Schuemmers Helden. Ein grausamer
Weg durch die Stunden geteerter Herzen ist hier sprachgenau
gezeichnet. Gnade hat die Autorin mit ihren Figuren
nicht. Sie sind eigenständige Einklagende ihrer
eigenen Welt; manchmal verzichten sie darauf, geliebt
zu werden, fordern, was gefordert sein muss und einer
sagt gleich zu Beginn über sich:
"Damit Sie mich richtig verstehen: nicht nur
die Möbel aus den unteren Stockwerken habe ich
verbrannt, sondern den gesamten unteren Teil des
Hauses. Außer einer morschen Stiege, die mich
nicht mehr trägt, weil mein Kopf täglich
schwerer zwischen die Schultern sinkt, ist nichts
mehr übrig von dem Fundament, den Mauern oder
Fluren. Es gibt nur noch mein Zimmer mit dem Fenster
und eine halb verrottete, halb verbrannte Treppe."
In diesem Nirgendwo lebt der Ich-Erzähler, den
sich nur die Straßenmädchen zu besuchen
getrauen - die Stiege ist morsch, und wer sie besteigt,
kennt sich mit dem Abgrund gut aus, ein Ich, Du auf
Du mit der Unterwelt. Die Bilder sind auch hier Kuppler
der Sprache, durchbrechen das Ordnungssystem der logischen
Vorstellungskraft. Der Leser wird direkt anvisiert,
wird angesprochen, wird involviert. Der Leser wird
eingebunden in den Akt, den Schuemmer zwischen ihren
vom Zwang gegeißelten Figuren und den Wörtern
ausführt. Wörter, die sich als grundeiserne
Schwerter benutzen lassen, zum Beispiel, wenn einer
schönen Frau bei Nacht ein Buckel auf dem schneeweißen
Rücken wächst, der an die Grimm'schen Märchen
und die Dunkelheit unbetretener Menschenherzen denken
lässt. Ein Akt vollzieht sich hier in der Sprache,
in dem die Nacktheit immer schon wohnt. Und in der
auch der Angezogene um seine Erbärmlichkeit nicht
umhin kommt.
"Wie notwendig es ist, hier zu sein", heißt
es einmal bei der heutigen Walter Serner-Preisträgerin.
Die Not kann ein Schriftsteller im Schreiben wenden,
ohne selbst an ihr im greifbaren "hier" zu
leiden. Er kann sie aber nur "hier" betrachten,
sie mit Buchstaben umzäunen, entzäunen, wenden
und um sie herumwandern, er kann sich ihrer vergewissern
und sie sprechen lassen, sich also entscheiden, etwas
aus sich selbst heraus zu beginnen. Freiheit, so sagt
es einmal Immanuel Kant, sei das Vermögen, einen
Zustand von selbst anzufangen.
Sich von dieser Art Freiheit durch die Sprache tragen
zu lassen, wird, wie im Falle von Silke Andrea Schuemmer,
mit dem Tor zum Text belohnt, mit der großen
epischen Erzählung, die das Tor öffnet. Wir
dürfen also auf vielfache Weise die kommenden
Bücher dieser Autorin abwarten. Bereits vor fünf
Jahren hat sie sich mit dem Werk der leider noch immer
fast unbekannten Kärntner Autorin Christine Lavant
auseinandergesetzt und über sie einen Text mit
dem Titel
"Die Vormundschaft des Todes" veröffentlicht,
eine Vormundschaft, unter der auch Schuemmers Figuren
stehen. Ich möchte diesem raffinierten Tod viele
Namen und also eine vielfache Auferstehung in den kommenden
Büchern von Silke Andrea Schuemmer wünschen. |